Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern
Если правосудие отдает должное необходимости присутствия современности, организационно
 нужно заботиться о том, чтоб действующие на практике юристы могли повышать квалификацию. В работе “Безмолвное волеизъявление” Эрлих упоминает, что социологический метод должен дополняться непосредственным...
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| Date: | 2005 |
|---|---|
| Main Author: | |
| Format: | Article |
| Language: | German |
| Published: |
Інститут держави і права ім. В.М. Корецького НАН України
2005
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| Subjects: | |
| Online Access: | https://nasplib.isofts.kiev.ua/handle/123456789/9757 |
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| Journal Title: | Digital Library of Periodicals of National Academy of Sciences of Ukraine |
| Cite this: | Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern / M. Rehbinder // Проблеми філософії права. — 2005. — Т. III. — С. 135-139. — нім. |
Institution
Digital Library of Periodicals of National Academy of Sciences of Ukraine| _version_ | 1860164735603834880 |
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| author | Rehbinder, M. |
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| citation_txt | Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern / M. Rehbinder // Проблеми філософії права. — 2005. — Т. III. — С. 135-139. — нім. |
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| description | Если правосудие отдает должное необходимости присутствия современности, организационно
нужно заботиться о том, чтоб действующие на практике юристы могли повышать квалификацию. В работе “Безмолвное волеизъявление” Эрлих упоминает, что социологический метод должен дополняться непосредственным наблюдением жизни. В современных условиях высшей школы, семинар по живому праву Эрлиха помогает выполнить задание переподготовки юристов-практиков, а также
остается образцом и стимулом повышения квалификации и образованости юристов.
If the justice system wants respectively treat the present, it is organisationally needed to ensure that practisizing lawyers could undergo futher professional training. In his work “Die stillschweigende Willenserklärung” Ehrlich underscored that the sociological method should be aided by the direct observation of the
life. Within the present system of the higher education of lawyers a seminar on living law may be instrumental
in retraing of practicing lawyers, could remain a model and stimulus for further professional development
and education of lawyers.
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| first_indexed | 2025-12-07T17:56:21Z |
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КЛАСИКИ ФІЛОСОФІЇ І СОЦІОЛОГІЇ ПРАВА: ЄВГЕН ЕРЛІХ
Проблеми філософії права. – 2005. – Том III. – № 1-2. 135
© 2005 M. Rehbinder
Em. o. Prof. der Universität Zürich, Honorarprofessor der Universität Freiburg (Br.) und
Lehrbeauftragter der Universität St. Gallen
EUGEN EHRLICHS SEMINAR FÜR LEBENDES RECHT:
EINE EINRICHTUNG FÜR DIE WEITERBILDUNG VON
RECHTSPRAKTIKERN
Soll die Rechtspflege den Erfordernissen der
Gegenwart gerecht werden, muss man institutionell
dafür Sorge tragen, dass die in der Praxis tätigen
Juristen sich ständig weiterbilden können. So
unterhält Deutschland in der Stadt Trier eine
Richterakademie, die Schweiz in Zürich eine Stif-
tung für juristische Weiterbildung, um nur diese
beiden Einrichtungen neben den ständigen
Weiterbildungsveranstaltungen der verschiedenen
juristischen Berufsverbände zu nennen. Die
Bukowina kann in dieser Hinsicht an eine
bedeutende Vergangenheit anknüpfen, über die ich
Ihnen heute kurz berichten möchte, weil nach zwei
Weltkriegen und deren staatspolitischen Folgen
vieles aus der Vergangen-heit von Czernowitz
unverdient in Vergessenheit geraten ist. Die
damalige Einrichtung einer juris-tischen
Weiterbildung geht auf den weltbekannten
Czernowitzer Professor für römisches Recht,
Eugen Ehrlich, zurück, den Vater der
Rechtssoziologie, zu dessen Ehren die Czernowitzer
Jurij-Fed-kowitz-Universität seit einigen Jahren ein
Eugen Ehrlich-Institut unterhält mit einem eigenen
interessanten Periodikum.
“Lange Jahre identifizierte man in Westeuropa
die Czernowitzer Alma mater mit Eugen Ehrlich”,
hiess es zurecht anlässlich seines Todes im Jahre
1922 in der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung
(CzAZ)∗. 1862 in Czernowitz geboren, wurde Ehr-
lich im Jahre 1896, damals als Privatdozent in
Wien und als “Hof- und Gerichtsadvocat” in
Schwechat bei Wien tätig, in seine Geburtsstadt als
Professor für römisches Recht berufen, wo er bis
zum Beginn des Ersten Weltkrieges, nur unterbro-
chen durch häufige Forschungsreisen, unermüdlich
in Forschung und Lehre tätig war. In seiner Wiener
∗ Siehe M. Rehbinder, Recht und Rechtslehrer: Eugen
Ehrlich, in FS Peter Gauch, Zürich 2004; ders., Die
Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät der Franz-
Josephs-Universität in Czernowitz, in FS Hans Stoll,
Tübingen 2001.
Habilitationsschrift über “Die stillschweigende
Willenserklärung” (Berlin 1893) hatte Ehrlich das
praktiziert, was er später als soziologische Methode
der Rechtswissenschaft theoretisch begründete. Er
hat nämlich die Urteilstatbestände von 600 Bänden
deutscher, österreichischer und französischer Ent-
scheidsammlungen daraufhin untersucht, welche
Funktion die Annahme einer stillschweigenden
Willenserklärung als rechtstechnisches Mittel, das
geltende Recht mit den Bedürfnissen der Rechts-
entwicklung in Einklang zu bringen, im
Rechtsleben gewonnen hatte. Später hat er jedoch –
wie er schreibt** – erkannt, dass auch das Studium
der Urteilstatbestände nicht ausreicht, um ein Bild
des Rechtslebens zu bekommen, weil nur ein
Bruchteil der Rechtsverhältnisse vor die Gerichte
komme und auch dann nur in einem durch den
Rechtsstreit verzerrten Zustand. Die soziologische
Methode müsse daher durch unmittelbare Beo-
bachtung des Lebens ergänzt werden.
Nach ersten Ausführungen dazu in seiner Pro-
grammschrift “Freie Rechtsfindung und freie
Rechtswissenschaft”, einem Vortrag vor der Juristi-
schen Gesellschaft in Wien aus dem Jahre 1903***,
reichte er am 16. Juli 1909 dem Österreichischen
Unterrichtsministerium eine Denkschrift ein “mit
dem Ansuchen um Genehmigung eines Seminars
für lebendes Recht”****. Obwohl ihm vom Wiener
Ministerium erst für das Rechnungsjahr 1911 eine
einmalige Unterstützung von 400 Kronen bewilligt
wurde für die Erstattung von Auslagen und
bescheidenen Honoraren, begann er im WS
1909/10 mit der Arbeit. Sie erfolgte durch
wissenschaftliche Ausflüge, durch Diskussion von
** Ehrlich: Ein Institut für lebendes Recht (1911) in
ders.: Recht und Leben, Berlin 1967, S. 33 f.
*** In Ehrlich: Recht und Leben, Berlin 1967, S. 170,
198 ff.
**** Veröffentlicht unter dem Titel “Die Erforschung des
lebenden Rechts” (1911), in Ehrlich: Recht und Leben,
Berlin 1967, S. 11-27.
M. Rehbinder
136 Проблеми філософії права. – 2005. – Том III. – № 1.
Seminararbeiten und durch sog. juristische Auf-
nahmen. Da das Seminar im Rahmen der Univer-
sität stattfand und im dortigen Vorlesungsver-
zeichnis angekündigt wurde, ist weithin der Ein-
druck entstanden, es habe sich um die Ausbildung
von Studenten gehandelt. Das trifft wenn über-
haupt, dann nur sehr bedingt zu. Am 10. Oktober
1909 enthält die CzAZ auf S. 5 die Notiz, statt des
angekündigten romanistischen Seminars werde
Professor Ehrlich im laufenden WS ein zweistün-
diges Seminar “Für lebendes Recht” unter der
Mitwirkung von Prof. Dr. Ferdinand Kogler abhal-
ten (für absolvierte Juristen, Aufnahme durch den
Seminarleiter). Dann aber heisst es deutlich in der
CzAZ vom 21. Oktober 1909 S. 3:
“Das Seminar beginnt seine Tätigkeit am
Donnerstag, den 28. d.M. Es ist für absolvierte
Juristen bestimmt. Als Teilnehmer sind vor allem
Richter und Rechtsanwälte (Advokaten, Notare,
Advokaturs- und Notariatskandidaten) in Aus-
sicht genommen, die sich in der Rechtsausübung
bereits betätigt haben und die Rechtssitte zumal
auf dem Lande in der Bukowina aus eigener An-
schauung kennen”.
Es waren also Praktikerseminare. Sie wurden
gemäss Vorlesungsverzeichnis nach dem Start im
WS 1909/10 zweistündig von Ehrlich selbst zu-
nächst in den jeweils folgenden WS 1910/11 und
1911/12, dann unter Mitwirkung von Prof. Dr. Otto
Freiherr von Dungern im SS 1912 und SS 1913,
darauf wieder von Ehrlich allein im WS 1913/14
und zuletzt im SS 1914 gehalten, erstmals ergänzt
durch eine einstündige Übung aus der Soziologie
des Rechts∗. Über Verlauf und Ergebnisse des Se-
minare sind wir durch Ehrlichs eigene Schilderun-
gen∗∗ gut unterrichtet.
Am beliebtesten waren die wissenschaftlichen
Ausflüge. Sie dienten sog. juristischen Aufnahmen,
die protokolliert wurden. Ein solcher Ausflug
∗ M. Rehbinder, Die Begründung der Rechtssoziologie
durch Eugen Ehrlich, 2. A. Berlin 1986, S. 31.
∗∗ Vor allem sein “Gutachten [für den 31. Dt. Juris-
tentag] über die Frage: Was kann geschehen, um bei der
Ausbildung (vor oder nach Abschluss des Univer-
sitätsstudiums) das Verständnis des Juristen für psycho-
logische, wirtschaftliche und soziologische Fragen in
erhöhtem Masse zu fördern?” (1912) in Ehrlich: Recht
und Leben, Berlin 1976, S. 61-79; ferner: Das lebende
Recht der Völker der Bukowina (1912) in Ehrlich ebd. S.
43-60; auch: Ein Institut für lebendes Recht (1911), in
Ehrlich ebd., S. 28-42.
wurde zusammen mit dem Sozialwissenschaftli-
chen Akademischen Verein durchgeführt und des-
halb in der CzAZ vom Sonntag, den 9. November
1913, S. 4 besonders angekündigt, nämlich als Ex-
kursion in die Fischersche Zuckerfabrik in Kryczc-
zatek (“modernster derartiger Grossbetrieb”). Über
das Vorgehen bei solchen juristischen Aufnahmen
schreibt Ehrlich:
“Bei den Erhebungen über Fabrikbetriebe
ersuche ich zunächst den Leiter, dem ich selbstver-
ständlich empfohlen bin, mir zu sagen, was in den
verschiedenen Abteilungen des Unternehmens ge-
arbeitet wird: in der kaufmännischen, der techni-
schen und der Betriebsabteilung. Dann frage ich
ihn, was jeder Angestellte zu tun hat, wie die von
auswärts kommenden Bestellungen behandelt wer-
den, wie der Betrieb mit Material versorgt wird,
ich lasse mir die Geschäftsbücher zeigen und ihre
Bedeutung erklären. Ich suche auch über die
Gehalte, Pflichten, Aussichten, Ansprüche der
Angestellten etwas zu erfahren, über die Stellung
und Aufgaben der Handelsreisenden, Agenten,
Kommissionäre. So entrollt sich vor der Augen der
Seminarteilnehmer die ganze Organisation der
Arbeit. Es scheint so einfach, dass jemand an die
Fabrik schreibt, was er haben will, und nach
einigen Wochen die Ware genau nach Wunsch
zugeschickt bekommt. Wieviel organisatorische
Arbeit dazu gehört, dass alles tadellos ausgeführt
werde, von dem Augenblick, wo der Brief eröffnet
wird, bis zu dem, da der Arbeiter die Zeichnung
von der technischen Abteilung und das Material
aus dem Magazin erhält und schliesslich die fertige
Ware dem Spediteur übergeben wird: Ob sich je
ein richtiger Jurist darüber Gedanken gemacht hat?
Ähnliche Erkundigungen erfolgen in den
Magazinen, in der Werkstätte. Ich lasse mir nach
Möglichkeit Briefe, Formularien, Verträge,
Fakturen vorweisen und bespreche deren rechtliche
Bedeutung. Ich suche Einblick zu gewinnen in die
Rechtsverhältnisse der Arbeiterschaft, Abrechung,
Lohnzahlung, Gewerkvereine,
Wohlfahrtseinrichtungen, Unfallverhütung, Versi-
cherung, die Aufgaben der Werkführer, die Por-
tierkontrolle. Schon der Lohnzettel für jeden ein-
zelnen Arbeiter, zumal bei Stücklohn, ist ein
schwieriges organisatorisches Problem. Ein Glas-
fabrikant gab uns sehr interessante Auskünfte über
das Glaskartell. Endlich wird nach der juristischen
Grundlage des Betriebes gefragt (Eigentum, Pacht
am Fabrikgebäude, Nachbarrechte, dingliche
Rechte, Rechtsstreitigkeit), nach der Geschichte
des Unternehmens.
In derselben Weise können selbstverständlich
Landgüter, grosse Handelshäuser, Banken unter-
sucht werden. Da könnten Wechsel, Schecks, Sa-
fes, Krediterkundigung zur Sprache gebracht wer-
Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern
Проблеми філософії права. – 2005. – Том III. – № 1-2. 137
den. Mit grösstem Nachdrucke muss jedoch betont
werden, dass es sich bei diesen Ausflügen nicht um
das Technische, Wirtschaftliche, sondern um das
Juristische, Organisatorische handelt. Recht ist
vor allem Organisation. Die Organisation eines
Unternehmens löst sich auf in lauter juristische
Dinge: in Vollmachten, Aufträge, Bestellungen,
Käufe, Lohnverträge usw. Auch das Technische ist
vom grossen Wert für die Juristen, aber doch vor-
wiegend vom allgemein menschlichen Standpunkte
aus; das Wirtschaftliche ist bloss die andere Seite
des Organisatorischen. Die Organisation eines Un-
ternehmens verstehen, dass heisst, den juristischen
Inhalt der Verhältnisse, die dabei in Betracht kom-
men, begreifen. Ein einziger Nachmittag an einem
wirtschaftlichen Unternehmen dürfte mehr das
Verständnis für wirtschaftliche, soziologische und
psychologische Fragen fördern als so manche
Semester an Vorlesungen”∗.
Da die Bukowina nur wenig industrialisiert war,
lag der Schwerpunkt der Erhebungen in der ländli-
chen Umgebung von Czernowitz, hier vor allem
beim landwirtschaftlichen Pachtvertrag∗∗, von de-
nen er als Beispiel eine Studie über den mündli-
chen Vertrag über die Pacht einer Heuwiese und
die Pacht eines Ackergrundstücks in Rosch, einer
Vorstadt von Czernowitz, sowie eine Studie über
die Art der Bewirtschaftung der Gemeindehutweide
in Bossance veröffentlichte*** Ehrlich erwähnt auch
eine von ihm durchgeführte Umfrage über die
Rechtswirklichkeit des österreichischen
Bürgerlichen Gesetzbuches mit dem Ergebnis, dass
insgesamt nur etwa zwei Drittel der gesetzlichen
Vorschriften im Rechtsleben überhaupt angewandt
∗ Gutachten (Fn. 6), S. 72 f. Über die entsprechende
Vorgehensweise bei der “Aufnahme“ von Bauernhöfen
siehe ebd. S. 74 f.
∗∗ Gutachten ebd. S. 67.
*** Das lebende Recht der Völker der Bukowina (1912),
in Ehrlich: Recht und Leben, Berlin 1967, S. 55-60. Aus
der Schule von Ehrlich, wenn auch nicht als Ergebnis
seines Seminars, stammen u.a. die Arbeiten von Basil
Dutczak (Über die Gemeindeumlagen. Rückstände des
Bukowiner griechischorientalischen Religionsfondes, in
Österreichische Richter-Zeitung II, 1905, Sp. 288-291;
Landtafelgüter und Gutsgebiete in der Bukowina, in
Österreichische Richter-Zeitung IV 1, 1907, Sp. 41-59;
Über die Berichtigung des Eigentumsblattes der Gemei-
nde- und Äquivalenz-Alpen in der Bukowina, Czernowitz
1908; Die Sozialisierung bäuerlicher Kleinbetriebe in
Rumänien, in Archiv für Sozialwissenschaft und
Sozialpo-litik 53, 1925, S. 803-829) und Orest
Ternaveanu (Die “Klaka“ in der Bukowina. Ein Beitrag
zum lebenden Recht, in CzAZ vom 7. April 1912, siehe
Gutachten, Fn. 6, S. 74 N. 2).
wurde, aus dem Gewährleistungsrecht lediglich die
Bestimmungen über die Viehmängel****. Für die
Bukowina hatte er den Plan, das gesamte Recht der
einzelnen Volksstämme aufzeichnen zu lassen, ver-
fasste zu diesem Zweck einen eingehenden Frage-
bogen***** und gab zur Art und Weise der
Erhebung (Interviewtechnik) besondere
Anweisungen******. Allerdings berichtet er, er habe
nur eine einzige “zusammenfassende”
Beantwortung erhalten*******. Es handelt sich hier
um die Abhandlung von Nico Cotlarciuc “Beiträge
zum lebenden Ehe- und Familienrecht der
Rumänen, insbesondere jener im Süden der
Bukowina”, Wien 1913********. Auch waren die von
den Seminarteilnehmern angefertigten und im
Seminar diskutierten Arbeiten nur selten zu
Ehrlichs Zufriedenheit. Er schreibt:
“Nur Weniges war von einigem Werte. Das
dürfte wohl vor allem an der Schwierigkeit des Un-
ternehmens liegen, an der ungewohnten Arbeit, die
dem Juristen angesonnen wird. Ich verlange ja
keine Lesefrüchte, keine Studien über Quellen und
Literatur, sondern Berichte über Selbstgesehenes
und Selbsterlebtes*********”.
Das geplante Sammelwerk mit dem Titel: Das
lebende Recht der Völker der Bukowina**********,
das eine Urkundensammlung (bis dahin vorhanden:
landwirtschaftliche Pachtverträge,
Holzabstockungsverträge und Erbbauverträge), die
Protokolle der im Seminar veranstalteten
Erhebungen sowie die Arbeiten der
Seminarteilnehmer enthalten sollte, konnte daher in
**** Ehrlich: Grundlegung der Soziologie des Rechts
(1913), 4. A. Berlin 1989, S. 313.
***** Das lebende Recht der Völker der Bukowina, Fn.
6, S. 49-55.
****** Ebd. S. 44 f.
******* Gutachten (Fn. 6), S. 74.
******** Die 28 Oktavseiten umfassende Arbeit erschien
als Sonderdruck aus der Zeitschrift für österreichische
Volkskunde im Verlag des Vereins für österreichische
Volkskunde und beruft sich in einer Vorbemerkung auf
die Anregung und Diskussion dieser Arbeit im Seminar
für lebendes Recht. Prof. Dr. theol. et phil. Nico
Cotlarciuc war bei der Drucklegung Bibliothekar der
Czernowitzer Universitätsbibliothek, von 1919-1923 ihr
Direktor und wurde dann zum Metropoliten (Erzbischof
der griechisch-orthodoxen Kirche) in Czernowitz
gewählt. Ein Nachdruck der Arbeit findet sich in dem
Sammelband Rudolf Wagner: Vom Moldauwappen zum
Doppeladler, Augsburg 1991.
********* Gutachten (Fn. 6), S. 73.
********** Fn. 9, S. 48; siehe auch „Ein Institut für
lebendes Recht“ (Fn. 6), S. 28 f.
M. Rehbinder
138 Проблеми філософії права. – 2005. – Том III. – № 1.
der Zeit vom WS 1909/10 bis zum ersten
Einmarsch der russischen Truppen in Czernowitz
im September 1914 und damit dem Ende von
Ehrlichs Lehrtätigkeit in Czernowitz nicht publika-
tionsreif erstellt werden∗. Vielmehr musste sich
Ehrlich mit dem pädagogischen Erfolg seiner
Arbeit zufrieden geben:
“Selbst die wissenschaftlich unbrauchbare Ar-
beit hat einen hohen pädagogischen Wert: Der
Mann hat doch gelernt, zu beobachten, sich mit
lebenden Menschen zu befassen, nicht mit toten
Paragraphen und Aktenfaszikeln. In dieser Bezie-
hung habe ich oft verblüffende Erfolge erlebt. Es
genügt zuweilen, dass ich fünf Minuten mit einem
Studierenden rede, um zu bemerken, dass sich eine
neue Welt vor ihm auftat. Sofort beginnt er von
seinen eigenen Erlebnissen zu erzählen, eine wahre
Jurisprudenz des täglichen Lebens zu entwickeln,
tausend Dinge, an denen er bisher achtlos vorbei-
ging, gewinnen für ihn jetzt Leben, werden ihm zu
Zeugnissen des lebenden Rechts”∗∗.
Dass nur wenige Bruchstücke des geplanten
Sammelbandes veröffentlicht werden konnten, hat
sich sehr nachteilig auf die Anerkennung von Ehr-
lichs Reformideen ausgewirkt. Zwar bat man ihn,
auf dem 31. Dt. Juristentag ein Gutachten zur Re-
form der juristischen Ausbildung vorzulegen, in
dem er anmerken konnte, dass auch die Universität
in Krakau auf Betreiben des dortigen Professors
Friedrich Zoll jun. beim österreichischen Unter-
richtsministerium die Einrichtung eines Seminars
für lebendes Recht beantragt habe***. Aber es ge-
lang ihm dort trotz seiner bekannten Beredsamkeit
nicht, den Juristentag zur Annahme einer Resolu-
tion zu bewegen, an allen juristischen Fakultäten
Seminare für lebendes Recht einzurichten. Es
wurde lediglich empfohlen, “Vorlesungen über
einzelne Partien und Probleme der Soziologie” zu
halten****. Im Juni 1914 erreichte Ehrlich die Ein-
ladung, in Chicago einen Vortrag über die Ziele
seines Seminars für lebendes Recht vor der Jahres-
versammlung der Association of American Law
Schools zu halten*****. Doch der Ausbruch des
Ersten Weltkrieges machte dieses Vorhaben zu-
nichte. Immerhin wurde über “Professor Ehrlich’s
∗ Die Unterlagen sind nach Ehrlichs Bericht durch
Kriegseinwirkungen zerstört worden.
∗∗ Gutachten (Fn. 6), S. 74.
*** Gutachten (Fn 6), S. 79 N. 4.
**** Verh. des 31. Dt. Juristentages III (1913), S. 819, 821.
***** Siehe den Nachruf von Roscoe Pound: An Ap-
preciation of Eugen Ehrlich, Harvard Law Review 36
(1922-23), S. 129, 130.
Czernowitz Seminar of Living Law” von einem
Amerikaner referiert******, allerdings ohne über
eine wohlwollende Kenntnisnahme hinauszugelan-
gen.
Fragt man aus heutiger Sicht, warum die Institu-
tion eines Seminars für lebendes Recht, wie sie
Ehrlich in Czernowitz entwickelt hatte, sich ander-
wärts nicht durchsetzen konnte, so greift die Be-
gründung mit Ehrlichs frühem Tode im Jahre 1922
sicher zu kurz. Denn auch ohne ihren eloquenten
Verfechter hätte die Idee einer juristischen Ausbil-
dung am lebenden Recht Verbreitung finden kön-
nen, wie ja auch die theoretische Rechtssoziologie,
in Auseinandersetzung mit Ehrlichs Konzeptionen,
sich langsam weltweit verbreitet hat. Mir scheint
die Erklärung dafür, dass es heute kein Seminar für
lebendes Recht mehr gibt, darin zu liegen, dass
Ehrlich in seinem Bestreben, den Wirklichkeitssinn
der Juristen bei der Ausbildung in den Vordergrund
zu stellen, bei der Festlegung der Aufgabenstellung
seines Seminars nicht genügend zwischen Grund-
ausbildung und Weiterbildung unterschied. Nir-
gends wird deutlich zum Ausdruck gebracht, was
ich erst in meinen mühsamen Recherchen in der
CzAZ gefunden habe, nämlich dass sein Seminar
für “absolvierte Juristen” gedacht war. In der Tat
kann lebendes Recht nur dann erhoben werden,
wenn man das normativ geltende Recht kennt und
das dogmatische Handwerkzeug, das zu dessen
Handhabung notwendig ist, bereits beherrscht. Die
Vermittlung des normativen Recht-sstoffes kann,
auch wenn sie induktiv nach der case method
erfolgt, effizient nur geschehen, wenn man sich auf
Gesetzesrecht und Richterrecht beschränkt. Wie das
gelebte Recht aussieht, d.h. welche Überreste
überlebten alten Rechts und welche “lebensfähigen
Keime eines neuen Rechts”******* in den
Lebensverhältnissen festzustellen sind, kann
pädagogisch sinnvoll erst in einer zweiten Stufe der
Ausbildung vermittelt werden.
Man sollte dies aber dann auch wirklich tun. Es
ist daher zu bedauern, wenn unsere gegenwärtigen
Einrichtungen für die juristische Weiterbildung
sich in aller Regel auf die Vermittlung des Rechts-
stoffes neuer Gesetze und neuerer Entwicklungen
in der Rechtsprechung beschränken. Konkret aus
****** William Herbert Page in Proceedings of the 14th
Annual Meeting of the Association of American Law
Schools held at Chicago, Illinois, Dec. 28, 29 and 30
(1914), S. 46-75.
******* Ehrlich: Grundlegung der Soziologie des Rechts
(Fn. 10), S. 420
Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern
Проблеми філософії права. – 2005. – Том III. – № 1-2. 139
meinem Arbeitsbereich, dem Urheberrecht: Ich
kann in der Universität im Urheberrecht nur den
jeweils neuen Stand der (von der EU vorangetrie-
benen) fast hektischen Gesetzgebung und der da-
zugehörigen Rechtsprechung vermitteln (in Vorle-
sungen und in Seminaren). Was ich nicht daneben
auch noch kann, ist: Mit den Studenten ein Soft-
warehaus besichtigen und dessen Softwareüberlas-
sungsverträge ermitteln, die heutigen Formen der
Filmfinanzierung durch die Banken erfragen oder
die Verträge über die Benützung von Datenbanken
sammeln. Das muss Weiterbildungsseminaren für
Praktiker vorbehalten bleiben. In die Grundausbil-
dung der Universität wird man dergleichen kaum je
bringen können. Ehrlich, der dies an sich wollte,
hat daher auch Vorstellungen über eine völlig an-
dere Hochschule entwickelt, die nicht die Ausbil-
dung von Rechtspraktikern zum Ziele hat∗. Unter
den gegenwärtigen Hochschulverhältnissen dage-
gen bleibt ein Seminar für lebendes Recht die Auf-
gabe der juristischen Weiterbildung. Das hat Ehr-
lich damals in Czernowitz zurecht so gehandhabt
und das sollte uns heute – den Gegenstand unserer
juristischen Weiterbildung betreffend – Vorbild
und Ansporn sein.
М. Ребиндэр
СЕМИНАР С ЖИВОГО ПРАВА ЕВГЕНИЯ ЭРЛИХА: ОРГАНИЗАЦИЯ
ПЕРЕПОДГОТОВКИ ЮРИСТОВ-ПРАКТИКОВ
Если правосудие отдает должное необходимости присутствия современности, организационно
нужно заботиться о том, чтоб действующие на практике юристы могли повышать квалификацию.
В работе “Безмолвное волеизъявление” Эрлих упоминает, что социологический метод должен до-
полняться непосредственным наблюдением жизни. В современных условиях высшей школы, семинар
по живому праву Эрлиха помогает выполнить задание переподготовки юристов-практиков, а также
остается образцом и стимулом повышения квалификации и образованости юристов.
М. Rehbinder
THE SEMINAR ON LIVING LAW OF EUGEN EHRLICH: AN ORGANISATION
OF RETRAINING OF PRACTICING LAWYERS
If the justice system wants respectively treat the present, it is organisationally needed to ensure that prac-
tisizing lawyers could undergo futher professional training. In his work “Die stillschweigende Willenserk-
lärung” Ehrlich underscored that the sociological method should be aided by the direct observation of the
life. Within the present system of the higher education of lawyers a seminar on living law may be instru-
mental in retraing of practicing lawyers, could remain a model and stimulus for further professional devel-
opment and education of lawyers.
___________________________
∗ Eine Hochschule für Gesellschaftswissenschaften
(1916), in Ehrlich: Gesetz und lebendes Recht, Berlin
1986, S. 211-227.
|
| id | nasplib_isofts_kiev_ua-123456789-9757 |
| institution | Digital Library of Periodicals of National Academy of Sciences of Ukraine |
| issn | 1818-992X |
| language | German |
| last_indexed | 2025-12-07T17:56:21Z |
| publishDate | 2005 |
| publisher | Інститут держави і права ім. В.М. Корецького НАН України |
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| spelling | Rehbinder, M. 2010-07-06T13:55:46Z 2010-07-06T13:55:46Z 2005 Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern / M. Rehbinder // Проблеми філософії права. — 2005. — Т. III. — С. 135-139. — нім. 1818-992X https://nasplib.isofts.kiev.ua/handle/123456789/9757 Если правосудие отдает должное необходимости присутствия современности, организационно
 нужно заботиться о том, чтоб действующие на практике юристы могли повышать квалификацию. В работе “Безмолвное волеизъявление” Эрлих упоминает, что социологический метод должен дополняться непосредственным наблюдением жизни. В современных условиях высшей школы, семинар по живому праву Эрлиха помогает выполнить задание переподготовки юристов-практиков, а также
 остается образцом и стимулом повышения квалификации и образованости юристов. If the justice system wants respectively treat the present, it is organisationally needed to ensure that practisizing lawyers could undergo futher professional training. In his work “Die stillschweigende Willenserklärung” Ehrlich underscored that the sociological method should be aided by the direct observation of the
 life. Within the present system of the higher education of lawyers a seminar on living law may be instrumental
 in retraing of practicing lawyers, could remain a model and stimulus for further professional development
 and education of lawyers. de Інститут держави і права ім. В.М. Корецького НАН України Класики філософії і соціології права: Євген Ерліх Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern Семинар с живого права Евгения Эрлиха: организация переподготовки юристов-практиков The seminar on living law of Eugen Ehrlich: an organisation of etraining of practicing lawyers Article published earlier |
| spellingShingle | Eugen Ehrlichs Seminar für Lebendes Recht: Eine Einrichtung für die Weiterbildung von Rechtspraktikern Rehbinder, M. Класики філософії і соціології права: Євген Ерліх |
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| topic | Класики філософії і соціології права: Євген Ерліх |
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